DER ABEND Berlin

KUNST PRO GRAMM
Mit kleinen Schritten groß geworden:
Galerist Lietzows fünf reiche Jahre


Der Kunsthändler – ein Choreograph, ein Tänzer gar? Ein Ballettkritiker jedenfalls war's, der zum Jubiläum den Namen des großen Kahnweiler sozusagen als Zukunftsperspektive an den ganz und gar blauen Galeristenhimmel schrieb. Die Galerie Lietzow (sie druckte die Huldigung geschmeichelt nach) besteht fünf Jahre in diesen Tagen: In der Beletage und im traditionellen Parterre prangen die Werke der künstlerischen Stamm-Equipe.

Inoffiziell besteht die Kunsthandlung freilich schon etwas länger. Godehard Lietzow, aus dem pommerschen Schneidemühl stammend, hatte von seiner Berliner Zimmerwirtin zwei Schwitters-Collagen erworben und günstig weiterverkauft. Erst wollte er selbst Maler werden, dann zog er sich aufs Studium der Kunstpädagogik zurück; die Vorstellung, Lehrer zu sein, wurde ihm allerdings immer "unerträglicher". Er schrieb Film-, dann Kunstkritiken in verschiedenen Blättern. Und ein Jahr lang erwarb er sich als fliegender Händler in Sachen Kunst einen festen Kundenstamm. Dann erst gründete er 1970 mit dem befreundeten Kaufmann Horst Hartmann, als zudem ein alteingesessenes Butter-, Käse- und Eiergeschäft in der favorisierten Knesebeckstraße schließen wollte, die Galerie.

Lietzow ("Ausgesprochener Händler bin ich nicht – ich bin Galerist") hat sich früh für wenig gefragte Künstler vornehmlich der hiesigen, reich sortierten szene ausdauernd stark gemacht – mit Erfolg. Auch heute noch bindet er gelegentlich Maler und Zeichner mit festem Salär an die Galerie – allerdings "keine 5000-Mark-Leute", nur Künstler, die es "nötig" haben.

In einem "ziemlichen Marathonlauf" hat die Galerie bald 50 Ausstellungen in fünf Jahren über die Bühne gebracht. Inzwischen organisiert Lietzow auch für seine "Exklusiven" die externen Tourneen: Über 30 Expositionen gab es für Peter Ackermann; und Kritikerpreisträger Klaus Vogelgesang wird seine Zeichnungen auf Lietzows Vermittlung hin in mindestens sieben in- und ausländischen Institutionen zeigen können.

Der findige Galerist umschiffte die schwierige Kunsthandelssituation (und nutzte die verhältnismäßig magere Initiative der örtlichen Kunstvereine auf dem Gebiet der Jahresgaben aus), als er sich an seine Hannoveraner Erfahrungen erinnerte: Dort hatte er in seiner Schulzeit bei der Kestner-Gesellschaft selbst preiswerte Grafik erstanden. Lietzows eigenes Abonnementssystem hat inzwischen schon 300, vor allem erstaunlicherweise auch auswärtige, Mitglieder. Sie verpflichten sich, jährlich sechs druckgrafische Blätter oder Skulpturen aus der hauseigenen Edition zu kaufen und bekommen dafür 40 Prozent Rabatt. Etwa 70 Grafiken sind augenblicklich für die Abonnenten verfügbar.

Besonders junge Sammler, die sich größere Objekte noch nicht leisten können, werden so (recht preiswert) für die Kunst animiert. Heute meint Lietzow, er würde dieses System auch anderswo etabliert haben: In Düsseldorf laufen schließlich "auch nicht nur Millionäre" rum. Außerdem hat er mit dieser geschickten Verkaufsmethode selbst permanent eine größere Sicherheit für den Absatz der Drucke und Plastiken.

Auch wenn es manchmal Ausstellungen gibt, aus denen (fast) gar nichts verkauft wird, und erst das langzeitige Engagement sich auszahlt (sonst müsste der eine oder andere Künstler "eigentlich von der Liste gestrichen werden"), muß der Galerist nachdenklicher abwägen als der verkaufsunabhängige ehemalige Kritiker: Schreibend lassen sich leichter Ideale vertreten.

Lietzows Programm, von dem er selbst sagt, es ei keines, klammert programmatisch verengte oder dogmatisch politische Kunst "aus Überzeugung" aus. "Im Prinzip kein Gegner der gegenstandslosen Kunst", verlangt der Galerist vom einzelnen Werk "visuelle Reize". Die Kunstgeschichte ist ihm "letztlich schnurz", aber Syntetisches akzeptiert er nicht; er will "den Menschen" hinter dem Bild erkennen, der es gemacht hat.

Lietzow-Hartmanns Galerie hat sich in kurzer Zeit einen festen Platz geschaffen. Eine ständige Künstlermannschaft spricht offenbar auch für das Vertrauen in die maklerischen Fähigkeiten. Mancher zog sie gewiß den Pseudoaktivitäten von Leuten vor, die mehr um ihre eigene Rolle als Original, um Publicity und Show-Appeal besorgt waren.

Peter Hans Göpfert