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Der Tagesspiegel

Dass Horst Hartmann und Godehard Lietzow, die Kunst-Dioskuren, in der Knesebeckstraße Nr. 32 eröffneten, ist jetzt, sogar ziemlich genau (es war am 10.Juli), fünf Jahre her. Fünf Jahre sind noch kein Jubiläum, aber wer die Schwierigkeiten kennt,
a) eine Galerie zeitgenössischer Kunst und, erschwerend dazu
b) in Berlin zu führen, wird zugeben müssen, dass ein halbes Jahrzehnt auf diesem Gebiet schwerer wiegt als bei anderen ein halbes Jahrhundert.

Warum sollte die Galerie Lietzow also den keineswegs übermäßig häufigen Geburtstag nicht mit einer Retrospektive "5 Jahre Galerie Lietzow", begehen?

Der Unterzeichnete zumindest hätte seinem damaligen Kritikerkollegen G.L. (der als solcher auch im Tagesspiegel auftrat) keine zwei Jahre gegeben. Konnte denn einer wissen, wie viel Akkuratesse, Liebe, Konsequenz, Arbeit und Zielstrebigkeit die beiden investieren würden? Längst gehört "Lietzow" mit Ausstellungen, Editionen und – stets vorzüglichen – Plakaten zu den Hochburgen, den festen Größen, die man sich aus dem Kunstleben nicht mehr wegdenken kann und mag.

Das Geheimnis: Die Galerie wird gepflegt wie ein Garten. Die Auswahl macht es, die Zusammenstellung, das Aufeinanderabstimmen der Gegensätze und das Gleich-und-Gleich-Gesellen. Der Nenner, auf den sich zur Not alles bringen ließe, heißt Realismus. Wobei man sich ihn nicht puristisch vorstellen darf. Es reicht, in diesem Fall, von Traum-Phantasmus (Dittberner, Kuper) über die malerische Expression (Marwan) und Impression (Fußmann) bis hin zur zivilisatorischen Plakat-Collage (Köthe).

Idyllischer Surrealismus (Heinrich Richter) und folkloristischer (Kastenholz, Zeissner), Stadtlandschaften (Ackermann) und vollplastisches Menschenbild (Schmettau, Schoenholtz), eklektizistischer Rückblick (Schwarze) und so etwas wie eine neue Archaik (Lothar Fischer), Akt (Collien) und Zeitkritik (Vogelgesang), um Fontanes meiststrapazierte Formulierung noch einmal anzuwenden, es ist ein weites Feld, das da beackert wird.

Freilich: es handelt sich auch um ein übersichtliches, mit festen Grenzen, ein Garten eben, der in der besonders hübschen Jubiläumsschau sechzehn Beete umfasst. Eine große Rabatte ist Klaus Vogelgesang gewidmet, aus Anlass der Kritikerpreisverleihung an den jungen Berliner Zeichner, dessen Entwicklung in Arbeiten seit 1969 dokumentiert wird. Von ihm stammt auch das ironisch-hinterhältige "Portrait eines (anonymen) Kunsthändlers" in jener unnachahmlichen Mischung aus sorgfältig-penibler Ausführung und umrisshafter Skizzierung. Es zeigt einen gesetzten Herrn, der aussieht wie eine Mischung aus Kahnweiler und Lübke, den zwei bedrohliche Bulldoggen umspielen und dessen herabgezogene Mundwinkel verraten, dass mit ihm nicht gut Kirschenessen sein dürfte. Im Hintergrund blass, nur eben angedeutet, eine abstrakte Plastik auf einem Sockel.

Die Herren Hartmann und Lietzow können sich zum Fünfjährigen schmeicheln, dass sie keinerlei Ähnlichkeit mit dem von ihrem Künstler Portraitierten besitzen.

Heinz Ohff