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Die taz

Berliner Szene

Erfolgsrezept

Wenn eine Galerie ihr 15-jähriges Jubiläum feiert, darf man sie etabliert nennen.
Dass dies nicht allein mit Geld, vielmehr nur mit Qualität zu bewerkstelligen ist, demonstriert eine Rück- wie Vorwärts gewandte Sammelausstellung. Einen sicheren Platz innerhalb der Ordnung des Berliner Galeriewesens, die selbst eine bewegliche ist, hat sich die Galerie Lietzow mit einem Konzept erworben, das künstlerische Konstanten der Veränderung des Zeitgeschmacks und –stiles aussetzte. Mit der derzeitigen Ausstellung "Vorsicht" soll dieses Prinzip in exemplarischer Strenge vorgeführt werden.

Dreizehn Künstler aus den Anfangsjahren der Galerie bis zu jüngsten Neuankömmlingen repräsentieren das offene, gleichwohl nie beliebige oder modisch angepasste Programm. Allen Exponenten gemeinsam ist ein Bekenntnis zum Thema "Mensch". Der Weite seiner Interpretationen sind keine Grenzen gesetzt, solange sich die Thematik als eine im Grunde existenzialistische vermittelt. das Opfer, die leidende, die unfreie Kreatur in mehr oder minder abstrakter Formulierung dominiert die Bildinhalte. "Schmerzensfrau" ließe sich etwa eine Arbeit von Albert Merz betiteln.

Im Kontrast zur erdigen taktilen Rauheit des Bildgrundes erhält eine Kohlezeichnung, immer einer Ästhetik der Armut verpflichtet, gesteigerte Intensität: Ein Frauenkörper, gefangen im Stacheldrahtverhau aus naiv-surrealistischer Symbolik, offenbart seine Verletztheit in graphischer Spröde.

Geradezu körperlich spürbare Betroffenheit lösen die monochromen Bilder von Werner Knaupp aus, - "Krematorium" – unmittelbar übersetzt in verkohlten, verbrannten Strukturen, in geschmeidiger Dekorativität vorgebrachte Verwüstungen.
Noch unverstellter und "ergreifender" sprechen die Grenzüberschreitungen sowohl formaler wie inhaltlicher Natur von Stephan Elsner. Übereinandergeschichtete, fragile Papierbahnen, von glänzendem weißen Lack überzogen, was ihre Zerbrechlichkeit betont, um eine aufgerissene Wunde – "Einschnitt" – klaffend, sind zu Skulpturen geronnene Äquivalente von Elsners inszenierten Selbstverletzungen.

Die zart umrissenen Gliedmaßen, durch blasse Bildspähren schwebende Körperfragmente, von C.E.Beck "Die heile Haut genauso wie die kaputte" erzählen in leiserem Tonfall von einem gestörten Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt.
Das fleischliche Rosa, von schwarzen Pinselstrichen kräftig und heftig akzentuiert, des "Körper 81 der 18." von Peter Vogt schreit dagegen plakativ und in dominantem Format aus einem, hinter vorgehaltenen Händen, verborgenes Gesicht sein Unglück heraus.

Ambivalente Hingabe an Berührung signalisiert in gekreuzigter Haltung ein männlicher Akt in schimmerndem Goldbraun von Luis Caballero. Inmitten solcherart unverstellter Bekenntnishaftigkeit zur expressiven Körpermetaphorik scheint der "Bildhauer" (von) Schmettau in seinem bronzenen Korsettorso zur gipsernen Gliederpuppe erstarrt, die Lust an der Kunst verloren zu haben. (Abbildung oben)

Die Vernissagengäste hält das beredt vorgetragene Schweigen der Kunstwerke allerdings nicht vom lustig-lärmenden Feiern des Jubiläums ab. Die ganze Tragik und all das expressive Leiden regt niemanden mehr auf. Das Thema "Menschen" von manchem zum einzigen Gegenstand der Kunst schlechthin erklärt, ist so klassisch, allgemeingültig und zeitlos wie konventionell und bis zum Überdruss bekannt. Obgleich schon abertausendmal abgebildet, idealisiert, verfremdet, abstrahiert oder deformiert, scheint dieses Elementarmotiv noch immer neue Variationen zu provozieren und auch zu vertragen. Das Altvertraute und –bewährte muß nicht zwangsläufig langweilig sein, wie einige Formulierungen auch in dieser Ausstellung beweisen, risikolos ist dieses Konzept allemal. Ein galeristisches Erfolgsrezept also.

Vogel