Gedanken zu einem Galerieprogramm von Godehard Lietzow anlässlich der Ausstellung VORSICHT zum 15jährigen Bestehen der Galerie Lietzow

1985-vorsicht
VORSICHT, rot und sperrig gedruckt, mag als Warnschild verstanden werden. Warnung gegenüber jenen Geistern, die einer Galerie nach langjähriger Tätigkeit kaum mehr einen segelblähenden Wind zutrauen.
Nun, wir blasen in Tritons Horn, bewusst und optimistisch, und entsinnen uns der falschen Prognostiker, die schon bei Galerie-Gründung vor vielen Jahren den Sargdeckel über unserem Tun glaubten zuklappen zu hören. Die Arroganz geht hier wohl öfters solidarisch einher mit dem Kleingeist, und beide sind wohl auch gelegentlich identisch.
Zum heutigen Zeitpunkt, nach 15 Jahren galeristischem Dasein – und dieses sehr existentiell und ohne doppelten Boden – ist der Entschluss, in die Zukunft hinein zu denken, so lebendig wie am Anfang. Persönlich hatte ich mich, wie man ja weiß, für einige Jahre aus der galeristischen Aktivität zurückgezogen, um die eigene künstlerische Arbeit weiterzuentwickeln. Jetzt nach der Erfahrung meiner eigenen Mittel und Möglichkeiten, habe ich mich entschlossen, Beides zu tun: zu zeichnen und malen, sowie Galerist zu sein. Da mich gelegentlich auch die Lust zum Schreiben überkommt, wie hier, mögen sich einige daran erinnern, dass ich in galeristischer Vorzeit schon einige Jahre als Kritiker schrieb. Es macht mir manches nicht nur Spaß sondern ist in meinem Wesen begründet. Ein bunter Hund bin ich allemal in dieser bunten Welt, und dass mich die Kritik als „schillernd“ apostrophiert, hat mich immer geehrt. Warnung also vor dem Hunde! Er verteidigt sein Revier und beißt auch manchmal zu.

VORSICHT. Abermals Vorsicht: Das Wort ist doppeldeutig und doppeldeutig gemeint. Nach einem eher spielerischen Präludium sei der Blick auf jenen Sinn gerichtet, der hier vor allem gemeint ist: Vorsicht im Sinne der Vorschau. Vor-Sicht auf das, was sich nach fünfzehn Jahren Galerie programmatisch neu figuriert und in die Zukunft weist. Nach all den miterlebten Rückblenden, die Jubiläen nun einmal obligatorisch zu begleiten scheinen, haben wir uns für die andere Sicht entschieden: für den Blick nach vorn.

Dreizehn Künstler und zwei Galeristen (Karl Horst Hartmann und ich) stellen derzeit diese Galerie dar.
Vom alten Künstlerstamm der Galerie sind Peter Ackermann dabei und Marwan, sowie, etwas später dazugestoßen, Joachim Schmettau. Luis Caballero, Albert Merz, Hermann Schenkel und Peter Vogt haben sich in den zurückliegenden Jahren unserer Galerie verbunden und sind, aus eigener künstlerischer Kraft und durch unsere galeristische Mithilfe in das Bewusstsein der kunstbetrachtenden Öffentlichkeit getreten. Neu im Programm sind sechs weitere Künstler, die ich nach meiner Rückkehr in die Galerie-Arbeit, vom Sinn einer Zusammenarbeit überzeugen konnte.
Zwei davon sind hinreichend bekannt: Werner Knaupp und Henning Kürschner. C.E.Beck und Stephan Elsner haben schon an anderen Berliner Galerie-Plätzen ihre künstlerische Dimension angekündigt. Sie und Jürgen Sage, den es in unserer Galerie erstmalig vorzustellen gilt, gehören, so individuell verschieden sie auch sind, gemeinsam mit Holger Bunk (auch er, trotz internationaler Beachtung, in Berlin bislang noch nicht gezeigt) zu den Künstlern der post-wilden Generation. Ihnen zur Seite stehen Albert Merz und Hermann Schenkel, die erst heute, im Verklingen des spektakulären Bilder-Rausches der obsessiven Heftigen, die gebührende Aufmerksamkeit erfahren.

Programm. Was nun ist Programm, wo der allzu gern gesehene stilistische Gleichklang bewusst vermieden wird. Programm ist hier wohl eher die freie Entscheidung für einige sehr unterschiedlich ausgeprägte künstlerische Eigenqualitäten. Also: ein persönliches Programm anstelle der Adaption jenes „Zeitgeistes“, der in seinem wörtlichen Sinngehalt doch wohl nur Mode meint.

Und dennoch mehr als ein persönliches Programm: Bei genauer Sichtung erkennt man Verbindendes. Zuerst – vielleicht auch dies von persönlicher Vorliebe bestimmt, sind da die Zeichner: Ackermann, Caballero und Schmettau, Knaupp und Kürschner, Bunk, Merz und Schenkel. Eine Vorliebe für das Graphische? Sicher! Eine Vorliebe für das Schwarz-Weiße, vielleicht in zunehmendem Maße eine Vorliebe für die lineare Nennung von Realität, von Leben, von Mensch und Dingen.

Doch da ist auch Marwan – der Maler, dem ich, wie keinem anderen, Einsicht in die instrumentale Realtät des Malens verdanke. Seine hochentwickelte Kunst hat mich auch die Malerei lieben gelernt, die in den zurückliegenden Jahren keine unwesentliche Rolle im Programm unserer Galerie spielte. Hier sei an Künstler wie Küchenmeister, Kaminski, Salomé und vor allem an den so tragisch gestorbenen Amerikaner Noris Embry erinnert. Neben Marwan stehen heute so kraftvolle Maler wie Henning Kürschner und Peter Vogt. Und schließlich ist auch Jürgen Sage, jüngster Künstler in unserem Kreis, ein Maler.

Die dritte Primär-Disziplin, die plastische Kunst, ist in dieser Vor-Sicht nur durch einen Namen angekündigt, durch Joachim Schmettau. Hier wird es Ergänzungen geben, geben müssen, wenn wir unsere galeristische Vergangenheit (ich denke an Unternehmungen mit Michael Schoenholtz, Lothar Fischer, Wolfgang Bier und Fotis) als den Boden unserer Selbstverständnisse akzeptieren.
Noch einmal die Frage nach dem Programm. Außer Neigungen und dem blockbildenden Versuch nach instrumentaler Fächerung ist noch etwas Wesentliches zu notieren: das primäre Bekenntnis zum Menschen und zu Bildern, Spuren und Zeichen vom Menschen in der Kunst. Und, wenn ich sage, dass selbst in den fast systematisch gestaltverweigernden Bildarchitekturen Ackermanns die Abwesenheit des Menschen die Existenz des Menschen bestätigt, dann mag man vielleicht diese Denkweise verstehen.
Mit den Jahren zunehmender Beschäftigung mit der Kunst und dem Leben bestimmt eine zunehmende Vorliebe die eigene Wahl: die Vorliebe für eine direkte existenzielle Bekenntnishaftigkeit der Kunst. Hier sind C.E.Beck mit ihren Körper-Bildern zu nennen, Stephan Elsner mit seinen "Körper-Verletzungen" und Werner Knaupp mit seiner zentralen und so außerordentlich intensiven Leidens- und Todes-Thematik. Luis Caballeros latein-amerikanisches Bewusstsein zwischen Eros und Gewalt – Henning Kürschner, Marwan und Peter Vogt figurieren mit Mal-Gesten und Farb-Eruptionen Bilder vom Menschen und Zeichen, die für den Menschen, seine Traurigkeit oder Verzweiflung stehen. Holger Bunk, Albert Merz und Hermann Schenkel, aber auch Joachim Schmettau nennen den Menschen und seine beziehungsvolle Dingwelt in knapper, kommentarloser Direktheit.

Vielleicht also doch ein Programm im Sinne der Bekenntnishaftigkeit. Wenn die Philosophie immer noch die Mutter der Kunst ist und nicht die Mode, dann ist es Wahrhaftigkeit, in der die hier vereinten Künstler die Frage nach der Wahrheit des Lebens und des Menschen stellen und künstlerisch zu artikulieren vermögen.

Godehard Lietzow